San Diego Train Station. "Sorry, auf welchem Bahnsteig fährt der Zug nach Los Angeles?" fragen wir die nette Angestellte. "Stay in line," und zeigt auf eine lange Menschenschlange. "Wir haben bereits ein Ticket" erinnere ich sie, da sie uns ja gestern beim Check In behilflich war. "Stay in line, please". Ist ja gut wir haben verstanden und stellen uns hinten an. Nach einer Weile ist die Zeit gekommen und wir dürfen in den Zug 591 einsteigen.

Wir sitzen neben einer muslimischen Familie mit zwei kleinen Kindern. Die Frau ist verschleiert, was wir auf unserer bisherigen Reise noch nicht oft gesehen haben. Bei der Gepäckablage am Eingang unseres Abteils sehe ich ausserdem zwei junge Frauen historischen Ursprungs. Die Haare mit weissen Hauben bedeckt und Kleider meiner Urgrossmutter. Amish? Vielleicht, aber sie passen irgendwie nicht ins moderne Leben dieser Grossstadt.

Der Schaffner kontrolliert die Fahrkarten mit einem Handscanner und steckt oberhalb unserer Sitze zwei grüne Zettel quer unter eine Plastikabdeckung. Die muslimische Familie erhält einem gelben, einmal gefalteten Zettel welcher hochkant eingesteckt wird und die Frau dahinter einen grünen, einmal gefaltet und hochkant. Möglicherweise ein Rätsel um uns die Zugfahrt etwas kurzweiliger zu gestalten. Drei Stunden später müssen wir den Zug in Los Angeles Central Station mit ungelöstem Rätsel verlassen.

Eigentlich hatten wir geplant, vor der Weiterfahrt noch eine würzige Nudelsuppe zu verdrücken. Doch aus Zeitgründen hat uns letztendlich eine fettige Wurst in gerolltem frittiertem Teig satt gemacht. Unsere Fahrkarten bestätigen uns, dass wir reservierte Plätze haben, doch die Sitznummern können wir auch nach langer Analyse nicht darauf einsehen. Auf Bahnsteig -11- fragen wir eine hilfsbereite, freundliche Angestellte bezüglich unserer Sitzplatzreservierung. Sie antwortet mit der Gegenfrage nach der Farbe unserer Sitzkarte. Yeeeh, wieder ein Raetsel scherze ich. Doch eine solche Karte haben wir eben nicht. Dann sei klar dass wir zu Wagen zwei müssen. Nächste Beamtin, gleiche Frage, gleiche Gegenfrage, gleiche Antwort von uns. Dann sei klar dass uns der nette Herr bei Wagen drei weiterhelfen kann. Wir also zu Wagen drei wo uns der sehr nette Beamte mit einem lächeln empfangt und nach den farbigen Karten fragt. Grrrrr, scheiss Raetsel. Wir erklären ihm unsere bisherige Leidensgeschichte, was ihn nun etwas nervös zu machen scheint. Nun läuft ER zu Kollegin bei Wagen zwei um die schwierige Situation zu klaren und kommt strahlend zurück. Die Beamtin des Wagen zwei, bei welcher wir ja schon waren, werde uns die Zetteln mit den Sitznummern geben. Und so können wir den noch leeren Zug mit den Nummern drei und vier endlich betreten. Auch die folgenden Passagiere steigen mit ähnlichen Geschichten in den Zug Nr. 2 welcher uns über die Sunset Limited Route nach San Antonio, Texas bringen wird.

Die Plätze sind grosszügig ausgelegt. In Liegeposition werden wir sicher ein wenig schlafen können. Pünktlich um 10:00pm dann der erste Ruck und unser zuhause für die nächsten Stunden rollt los. Die Nacht verläuft ruhig. Ausser vielleicht unser Sitznachbar Michael welcher die ganze Nacht seine Taschen aus- und einräumte oder ein Zugbegleiter der uns morgens um vier weckt und wissen muss wo wir eingestiegen sind. Der neue Tag beginnt aber mit einem wunderschönen Sonnenaufgang. Nachdem ich noch zwei, drei Mal eingenickt bin und Beatrice noch tief in ihren Träumen versunken ist, hält der Zug für eine Stunde in Tuscon. Eine viertel Stunde vor der Weiterfahrt hören wir zuerst nur ganz leise, dann immer etwas deutlicher eine Stimme im Lautsprecher unseres Abteils "smoker, enjoy your last smoke for a long time, go now - smoker, go outside ...".
Zum Frühstück gibt es Reste des Butterzopfes welchen ich vor fünf Tagen gebacken habe und dazu frischen Kaffee. Draussen rauscht die Wüste an uns vorbei und drinnen zählen wir die Stunden. Die nächste grössere Stadt ist El Passo in Texas. Sie grenzt direkt an die mexikanischen Stadt Juarez. Wir fahren also fast auf der Grenze und sehen überall Fahrzeuge der Grenzkontrolle und am Bahnhof einen Polizisten in zivil mit seinem Malinua Drogenhund. Er läuft mit dem Tierchen zwischen den ein- und aussteigenden Leuten durch. Später erkennen wir noch zwei weitere Polizisten welche im Zug mitgefahren sind. Durch die Türe zum nächsten Abteil können wir beobachten wie sie einen schwarzen Mann und sein Gepäck kontrollieren und zuletzt einen kleinen Koffer, möglicherweise Besitzerlos, aus dem Zug nehmen.

Nun liegen "nur" noch zwölf Stunden bis zum Zielbahnhof vor uns. Wir kramen unser Nachtessen aus der Tasche. Es gibt gekochte Eier, Scheibenkäse mit Avocadosouce in Tortilla gerollt und dazu eine Flasche Rotwein. Sicherheitshalber haben wir diesen in Papier eingewickelt, da Alkohol in der Öffentlichkeit an den meisten Orten verboten ist.  Wir legen uns früh schlafen, da wir etwa um fünf Uhr morgens aussteigen müssen. Wobei schlafen zu viel gesagt ist. Auch wenn wir beide zwei Sitze erobert haben, fanden wir nie eine erholsame Schlafposition. Als ich endlich eingenickt bin, komme ich doch mit dem Ellbogen an den Hebel der hochgeklappten Beinablage welche blitzartig mit einem höllenkrach unter den Sitz knallt. Nicht nur ich bin wieder hell wach, sondern auch mein neuer Sitznachbar strafft mich mit einem verschlafenen aber sehr strafenden Blick. Sorry! Kurz nach vier Uhr werden wir vom Zugbegleiter geweckt. In zwanzig Minuten wird unsere Fahrt von San Diego - Los Angeles - San Antonio, nach 38 Stunden, beendet sein.